Peter Neuhaus Prater 01

 

08.06.1942

geboren in Strasbourg / EIsass
seit früher Kindheit Beschäftigung mit Kunst & Zeichnen

1961

Abitur

1962-1964

Stukkateur- Lehre in Berlin

1964-1967

Stukkateur in Berlin

1967-1972

Bildhauer - Studium / Diplom
Kunsthochschule Berlin-Weißensee

seit 1972

Freiberuflicher Bildhauer und Grafiker in Berlin

1983

Arbeiten an größeren Plastiken & Skulpturen
Beginn dies bildhauerischen Schaffens

Ausstellung Plastik & Grafik in Berlin
Kulturhaus Prater Berlin-PrenzIauer Berg

1994-1996

verschiedene Ausstellungen (Grafiken) in Öffentlichen Einrichtungen,Berlin

Juli 1997

Werkaustteilung Galerie Dilßner in den
historischen Räumen im Palais am Festungsgraben
Lindenforum in Berlin-Mitte

Fünfzig Jahre mußte er werden, bis ihm die Galerie am Prater nun die erste Einzelausstellung seines Lebens ausrichtet. Während sich andere Künstler seiner Generation längst mit Plänen für die eigenen Retrospektive befassen, herrscht in seiner Werkstatt noch die Atmosphäre des Beginnens. Aufbruchstimmung teilt sich mit. Neuhaus genießt den Einzug in seine neue Werkstatt, und er hat Gründe dafür. Die Nachwendezeit brachte ihm das erste eigene Atelier außerhalb der eigenen vier Wände, immerhin zwanzig Jahre nachdem er die Weißenseer Hochschule als Bildhauer verlassen hatte. Doch weder die fehlenden Ausstellungen noch jene halbe Ewigkeit, die er in zu engen Räumen arbeiten mußte, sind ihm Grund zur Verbitterung. Die Nichtbeachtung durch die staatlichen Kultursachwalter sei auch nicht systembedingt gewesen, er wiederholt es mit Nachdruck und die Mitteilung ehrt ihn. Nein, die Stille um ihn, der Mangel an öffentlicher Aufmerksamkeit für Person und Werk, all dies habe er letztlich selber herbeigeführt, nicht systematisch, nicht aus prinzipiellen Vorbehalten. Nur der nötige Ehrgeiz, auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten mit den Kollegen mitzubieten, sei ihm ebenso fremd geblieben wie der Sinn für die aufgeblähte Organisation des Berufsverbandes. Der Platz im Schatten der Kunstereignisse entspricht ihm und seiner Natur, man zweifelt daran nicht einen Augenblick, dieser Mann führt das Leben, das er sich ausgesucht hat mit einer inneren Gelassenheit und Unabhängigkeit.
Neuhaus gehört zu jener Spezies von Prenzlauer Berg - Bewohnern,die davon überzeugt sind, an einem der spannendsten Orte überhaupt zu leben. Bevor er zum passionierten Großstädter wurde, hatte er eine an Turbulenzen reiche Wanderschaft hinter sich gebracht.
Geboren im französischsprachigen Strasbourg, kam die Familie gegen Kriegsende nach Halle an der Saale, verzog dann ins Bayrische und anschließend wiederum gen Osten. Die folgenden Stationen:
Internat, Abitur, ein ungeliebtes technisches Studium, das er beizeiten abbrach, bis er schließlich in Berlin eine Stukkateurlehre absolvierte, mit der er den Wechsel ins plastische Fach einleitete.
Was er an technischem Geschick in diesem Metier gewann, weiß er bis heute zu nutzen, obwohl aus den nachfolgenden Jahren zu jenem an den Akademien besonders gepflegten Kult des Handwerklichen ein gespaltenes Verhältnis zurückblieb. Es war vor allem die geltende Doktrin, die menschliche Figur zum einzig kunstwürdigen Thema der Plastik zu erklären,die auf seinen Widerspruch traf. Von der vollzogenen Abkehr vom Dogma berichten gezeichnete und radierte Arbeiten aus den Folgejahren. Die Blätter sind reich an Figuren und doch fernab von naturalistischen Ideen. Strukturen und Flächen in den warmen Farben der Aquatinta werden zu Linien umgedeutet,aus der gekonnten Nutzung des technisch Zufälligen werden Konturen von Körpern entwickelt,die mit dem sicheren Strich des Bildhauers ihren Platz in der Fläche finden.Mitunter tauchen aus der Tiefe des Raumes Gruppen mit mehreren agierenden Figuren auf. Ihre szenische Agilität läßt auf ihre Heimat in der Welt des Zirkus und des Theaters schließen, die seit den Tagen Picassos für bildende Künstler offenbar nicht an Faszination verloren hat.
Die gleiche Empfänglichkeit für die Entwicklung der Form aus dem natürlichen Rohstoff dominiert auch in den plastischen Arbeiten von Neuhaus.Die Leichtigkeit besticht,mit der auf lapidaren Konstruktionen aus Holz und Leinwand dünne Schichten von Modelliergips zu Oberflächen verarbeitet werden, die massive Volumen assoziieren und doch nur aus dünnen Schalen bestehen. Die Handhabung des Materials erinnert an die virtuose Vergangenheit des Stuckgewerbes als einer Gattung der Bildhauerkunst, die mit der Massenware an den Zimmerdecken der Altbauten nur den Namen gemein hat. Da erhebt sich auf der geschwungenen Oberfläche eines überdimensionalen Gipsreliefs das Profil eines flügelähnlichen Zeichens, daneben senken sich hart geritzte Linien mit der netzartigen Struktur eines ausgetrockneten Blattes in den Grund. Krude Ausblühungen des Materials wachsen auf fein beschliffenen Oberflächen, spröde verlaufende Brüche mit hart gebrochenen Kanten treffen auf eine verwobenes Gespinst aus Linien und Verästelungen. Das ganze Verfahren erinnert an die Freisetzung morphologischer Funde, so, als ob jemand in einem Steinbruch einen Block auftrennen und die geronnenen Spuren der Vorzeit freilegen wurde. Die zeichenhafte Knappheit der biologischen Formen scheint auch auf andere Arbeiten des Bildhauers befruchtend zu wirken. Die freistehenden Plastiken, oft nur als "Figur" betitelt, erinnern mitunter an Strandgut, angeschwemmtes Holz, Muscheln und zweideutige Pflanzen. Richtig liegt wohl, wer hinter dem Wechselspiel von neugierig geöffneten Hohlformen und steil aufgeständerten Hochgewächsen auch erotische Assoziationen vermutet. Dafür spricht nicht zuletzt jenes dürre Gerüst aus Draht, das manche Doppelfigur nicht nur stützt, sondern zugleich deren Hülle und Käfig bildet.

Alexander Haeder